Editorial
Ex oriente lux?
Ein „Klimawunder aus der Wüste“? In Sharjah werden unter extremen Bedingungen Weizenlinien erprobt, die trotz Wassermangel und Hitze gute Proteingehalte und vielversprechende Backeigenschaften versprechen. Ein Vor-Ort-Bericht und ein Bäcker-Interview zeigen, wie Lösungswege für Weizen der Zukunft eingeschlagen werden könnten. Auch Clean-Label-Produkte auf Basis von Stärke und eine neue Datenplattform sind aktuelle Themen für die Getreidewertschöpfungskette.
An diesen lateinischen Begriff, nach dem nach christlichem Verständnis oder später dem der Klassik und Romantik Heil und Licht, Wissen und Wissenschaft aus dem Osten zu uns gelangt sind, fühlt man sich spontan erinnert beim Lesen des Beitrages von Sabine Kemper bzw. dem mit dessen Inhalt im Zusammenhang stehenden Interview mit Sven Mostegl. Von einem „Klimawunder aus der Wüste“ ward gekündet, der Ernte eines Weizens mit 19,3% Protein auf einer Farm in Sharjah, einem Emirat der Vereinigten Arabischen Emirate (VAR). Sollte es etwa gelungen sein, worauf vom Züchter bis zum Bäcker unter den Einflüssen fortschreitenden Klimawandels, sprich auch in unseren gemäßigten Zonen zunehmender Perioden großer Trockenheit mit hohen Temperaturen, sich sehnlichst Hoffnung richtet, dass nämlich Weizensorten gefunden werden, die unter den genannten Bedingungen noch über gute Backeigenschaften verfügen, mit Eiweiß ansehnlich in der Menge und gut in der Funktionalität?
In Sharjah jedenfalls wird unter ariden Verhältnissen Landwirtschaft betrieben und der Scheich Dr. Sultan bin Muhammad Al Qasimi, Leiter des Exekutivrates und studierter Agrarwissenschaftler betreibt dort einen Versuchsbetrieb mit Biotechnologielabor und Züchtungsaktivitäten. Anlass für Frau Kemper oben genannter seit Juni 2026 durch die einschlägigen Medien geisternden Nachricht einmal direkt vor Ort auf den Grund zu gehen. Dass die Palmen auch auf der Arabischen Halbinsel nicht in den Himmel wachsen, fand sie bald heraus. Aber trotzdem bekam sie spannende – und sehr nachlesens- und vor allem auch nachdenkenswerte – Einblicke in den Anbau von Weizen unter Wüstenbedingungen und in Züchtungsansätze, Linien, vielleicht einmal Sorten zu etablieren, die unter Bedingungen begrenzter Wasserverfügbarkeit und hoher Temperaturen ein gutes Dünger-(Stickstoff-)Aneignungsvermögen besitzen und eine vielversprechende Backeignung der Körner erwarten lassen.
Abgesehen von seiner erstaunlichen und außergewöhnlichen Lebensgeschichte, die aus dem Interview mit Sven Mostegl sichtbar wird, kann es als Glücksfall angesehen werden, dass er, der im Emirat Sharjah eine florierende Bäckerei betreibt, mehr oder weniger durch glückliche Umstände mit dem im vorstehenden Manuskript beschriebenen Weizenanbau, den Versuchsvorhaben und Züchtungsbestrebungen in Kontakt gekommen ist und seine bäckerische Erfahrung einbringen kann. Weizenchargen aus heimischem Anbau verarbeitet er zu Brot und anderen Backwaren, entsprechendes Material aus den Forschungsprojekten eingeschlossen. So ist für beide Seiten ein vorteilhaftes Geben und Nehmen entstanden, und die Erkenntnisse aus Anbau, Züchtung und Verarbeitung werden unmittelbar rückgekoppelt.
Beide Artikel bieten eine Menge Anschauungsmaterial dafür, wie unter zunehmend klimabedingt schwieriger werdenden Voraussetzungen Lösungswege für Weizen der Zukunft eingeschlagen werden könnten.
Francesco Filippi von der niederländischen Firma Avebe thematisiert Clean -Label-Produkte, hergestellt auf der Basis von Stärke. Sein Artikel beruht auf einem Vortrag, gehalten anlässlich der AGF-Stärketagung im vergangenen April in Detmold. Er beleuchtet, welche Eigenschaften Stärkemoleküle für die Herstellung hoch-funktionaler Produkte mitbringen und wie man sich dafür die Potenziale der Extrusion, verbunden mit anderen modernen Prozesstechnologien, zunutze machen kann, insbesondere durch die gezielte Kontrolle der Umwandlung der molekularen Struktur. Filippi umreißt Lösungsmöglichkeiten, welche Funktionalität, Nachhaltigkeit und Verbraucherakzeptanz miteinander verknüpfen.
Marie Liétard-Montigny ist die Frankreich/Spanien-Repräsentantin eines Unternehmens namens Improvin' mit Sitz in Schweden, das man im Wesentlichen als eine Daten-Infrastruktur-Lieferantin für die Agri-Food- Kette verstehen muss. Frau Liétard-Montigny bezeichnet ihren Beitrag „Beyond compliance: How commodity data is becoming the grain value chain's next strategic asset“ im Untertitel als Reflektionen über ihre Mondelez-Improvin'-Gesprächsrunde anlässlich des European Milling Forum 2026. Ausgehend vom Beispiel der Fa. Mondelez, die wie alle Firmen in der Lebensmittelkette eine Menge an gesetzlich vorgeschriebenen Nachhaltigkeitsdaten sammeln muss und diese oft als Kostenfaktor ansehen, lenkt sie den Blick darauf, was man aus diesen Daten auch gewinnen könne. Um das zu erreichen, biete die Plattform Improvin' die entscheidenden Voraussetzungen, erhobene Daten über die gesamte Kette vom Erzeuger, über den Lieferanten bis hin zu den Prozessen, einschließlich der Rohstoffdaten miteinander zu verknüpfen. Somit ließen sich die fragmentierten Informationen in klare Beschaffungsentscheidungen und messbare Geschäftsergebnisse transformieren. Besonders eingegangen wurde auf Belange der Mühlenwirtschaft mit Verweis auf einzelne Unternehmen, die die Unterstützung von Improvin' schon nachgefragt hätten.
Thematisch ein breit gefächertes Spektrum – zugegeben – in dieser Ausgabe! Dennoch hoffe ich, dass Sie, sehr geehrte Leserinnen und Leser, für Ihre spezifischen Interessen etwas Interessantes finden können.
Viel Spaß also beim Lesen
Meinolf G. Lindhauer