Begrüßung und Einleitung: Das Spielfeld der europäischen Müllerei
Sehr geehrter Herr Golombek, sehr geehrter Herr Gutting, meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter für ein starkes europäisches Lebensmittelhandwerk und eine zukunftsfähige Agrarwirtschaft!
Es ist mir eine außerordentliche Freude, Sie heute Abend hier in Brüssel – im Herzen der europäischen Gesetzgebung – zum Milling Forum Europe begrüßen zu dürfen. Ich freue mich besonders, dass es die Arbeitsgemeinschaft Getreideforschung nach 76 Jahren Erfahrung mit ihrer traditionsreichen Mühlentagung gewagt hat, dieses Format zu einer echten europäischen Plattform weiterzuentwickeln. Als Europaabgeordneter aus Oberschwaben und als Stellvertretender Vorsitzender des Landwirtschaftsausschusses im Europäischen Parlament fühle ich mich der Müllereibranche und dem Getreidesektor eng verbunden.
Baden-Württemberg und die Region Bodensee-Oberschwaben sind seit jeher geprägt von einer starken, qualitätsbewussten Landwirtschaft und traditionellen Mühlenbetrieben, die mit viel Können und Hingabe die Brücke zwischen unseren Äckern und den Backstuben schlagen. Wenn man aus einer Region kommt, in der das Handwerk, die bäuerliche Familienlandwirtschaft und die mittelständische Wirtschaft den Kern unseres Wohlstands bilden, dann sieht man die Fragen der Lebensmittelproduktion pragmatisch, realitätsnah und mit dem nötigen Blick auf das Machbare.
Die Themen, die uns heute Abend beschäftigen, könnten aktueller kaum sein: Ernährungssicherung, Klimaanpassung und Wettbewerbsfähigkeit auf den Weltmärkten – und zugleich die hohen Erwartungen der Verbraucherinnen und Verbraucher an Nachhaltigkeit, Qualität und Transparenz. Und genau zwischen diesen Anforderungen bewegen Sie sich jeden Tag.
Meine Damen und Herren, auf den ersten Blick scheint das eine kaum zu bewältigende Aufgabe zu sein. Es klingt so, als müssten Müller, Landwirte, Händler und Verarbeiter täglich ein mathematisches Wunder vollbringen, um allen Erwartungen gleichzeitig gerecht zu werden.
Auf der einen Seite stehen die globalen Realitäten: Kriege, geopolitische Verwerfungen, extremer werdende Wetterereignisse und schwankende Weltmarktpreise. Auf der anderen Seite stehen die Wünsche und Forderungen der Verbraucherinnen und Verbraucher: Alles soll nachhaltig sein, absolut frei von Gentechnik, von höchster Qualität – und am Ende bitte schön im Supermarktregal so günstig wie eh und je.
Ist das nun die Quadratur des Kreises? Meine Antwort lautet ganz klar: Nein, es ist nicht unmöglich – aber es erfordert einen fundamentalen Kurswechsel in der Politik!
Es erfordert, dass wir aufhören, Wünsche zu formulieren, ohne die Instrumente zu liefern, mit denen diese Wünsche erfüllt werden können. Es erfordert den Abschied von einer Politik der Verbote und Beschränkungen hin zu einer Politik der Innovation, der Marktchancen und des klugen Unternehmertums.
I. Die Ausgangslage: Ernährungssicherung als strategische Priorität der EU
Meine Damen und Herren, wir müssen uns klar machen, wo wir stehen. Die geopolitischen Ereignisse der letzten Jahre haben uns eines überdeutlich vor Augen geführt: Ernährungssicherheit ist keine Selbstverständlichkeit.
Jahrzehntelang haben wir in Europa im Gefühl des Überflusses gelebt. Lebensmittel waren immer da, in unbegrenzter Menge und bester Qualität. Das hat in manchen politischen Kreisen zu der schädlichen Illusion geführt, man könne die heimische Produktion nach Belieben einschränken, Stilllegungsquoten erhöhen, Pflanzenschutzmittel pauschal verbieten und die Produktion im Zweifel einfach in andere Weltregionen verlagern.
Wer so denkt, handelt verantwortungslos! Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hat die globalen Lieferketten für Getreide aufgewühlt. Er hat uns gezeigt, wie rasch Marktstörungen zu Engpässen und massiven Preissprüngen führen können. Zwei der wichtigsten Kornkammern der Welt liegen unmittelbar an unserer östlichen Grenze – und ein Krieg dort trifft nicht nur die Menschen in der Ukraine, er trifft auch die Getreidepreise in Oberschwaben, in der Bretagne und in Kalabrien.
Genau deshalb hat die Europäische Kommission mit ihrer „Vision für Landwirtschaft und Ernährung", die vor gut anderthalb Jahren vorgelegt wurde, einen überfälligen Kurswechsel eingeleitet. Diese Vision rückt die Wettbewerbsfähigkeit, die Resilienz und die Ernährungssicherheit wieder in den Mittelpunkt der europäischen Agrarpolitik – nach Jahren, in denen der „Green Deal" und die „Farm to Fork"-Strategie zu oft mit Zielvorgaben operiert haben, ohne den Betrieben die praktischen Werkzeuge zur Umsetzung an die Hand zu geben.
Die Kommission will nun einen „Unity Safety Net" für den Agrar- und Ernährungssektor aufbauen, um im Krisenfall schneller reagieren zu können, und sie hat sich verpflichtet, Importstandards stärker an unsere eigenen hohen Standards anzugleichen. Das ist ein Umdenken, das ich als EVP-Politiker ausdrücklich begrüße – auch wenn ich in der praktischen Umsetzung noch deutlich mehr Tempo einfordere.
Als EVP-Fraktion im Europäischen Parlament haben wir von Anfang an betont: Die Primäraufgabe der europäischen Landwirtschaft und der nachgelagerten Ketten ist und bleibt die sichere Versorgung der Bevölkerung mit hochwertigen und bezahlbaren Lebensmitteln.
Wer Ernährungssicherung gefährdet, gefährdet den sozialen Frieden und die Stabilität unseres Kontinents. Und die Mühlen – Ihre Betriebe – stehen dabei im Zentrum. Sie sind die unverzichtbare Nabelschnur zwischen der Rohstofferzeugung auf den Feldern und den Grundnahrungsmitteln Brot und Gebäck. Ohne eine funktionierende, wettbewerbsfähige Müllereibranche gibt es keine lokale und regionale Versorgungssicherheit in Europa.
Gleichzeitig stehen wir vor gewaltigen Veränderungen durch das Klima. Wir sehen es in ganz Europa, auch bei mir in Baden-Württemberg: Trockenperioden im Frühjahr, Starkregenereignisse kurz vor der Ernte, Hitzephasen, die das Getreidewachstum beeinträchtigen und die Qualitäten verändern. Landwirte und Mühlen spüren diese Schwankungen direkt – sei es bei den Proteinwerten, der Fallzahl oder der Reinheit des Getreides. Das ist der neue Alltag, mit dem sich Ihre Qualitätssicherung, Ihre Einkaufsabteilungen und letztlich Ihre gesamte Betriebsplanung auseinandersetzen müssen.
Sich an diese klimatischen Veränderungen anzupassen, ist eine pure Notwendigkeit geworden für das Überleben unserer Betriebe. Doch wie passen wir uns an, ohne die Produktion zu drosseln? Genau an dieser Schnittstelle entscheidet sich die Zukunft unserer Agrar- und Ernährungspolitik.
II. Neue Züchtungsmethoden (NGT / CRISPR/Cas): Innovation statt
Damit komme ich zum zentralen Punkt der Debatte über Zukunftsfähigkeit, Nachhaltigkeit und das Thema GVO-Freiheit.
Lassen Sie mich zunächst die Position der CDU/CSU und der EVP-Fraktion im Europäischen Parlament noch einmal in aller Deutlichkeit darlegen: Neue Züchtungstechniken sind keine Bedrohung, sondern der Schlüssel zur Bewältigung der Klimaanpassung und zur Sicherung unserer Ernährungsverfahren!
Seit der Europäische Gerichtshof 2018 entschieden hatte, dass auch mit der Genschere veränderte Pflanzen unter das strenge, Jahrzehnte alte Gentechnikrecht fallen, hat die europäische Pflanzenzüchtung faktisch mit angezogener Handbremse gearbeitet, während unsere Wettbewerber in Nordamerika, Südamerika und Asien längst in großem Stil auf diese Technologien setzen. Acht Jahre hat es gedauert – acht Jahre voller ideologischer Grabenkämpfe –, bis wir am 17. Juni dieses Jahres endlich einen Durchbruch erzielen konnten: Das Europäische Parlament hat mit breiter Mehrheit die neue NGT-Verordnung verabschiedet!
Ich war persönlich stark in die Debatte involviert, und ich kann Ihnen sagen: Dieser Kompromiss war überfällig, und er ist ein handwerklich solider Kompromiss. Was regelt er konkret?
Erstens: Es gibt künftig eine klare rechtliche Zweiteilung. NGT-Pflanzen der Kategorie 1 – solche, die durch gezielte Mutagenese entstehen und sich von natürlich vorkommenden oder klassisch gezüchteten Sorten nicht unterscheiden lassen – werden aus dem strengen Gentechnikrecht herausgenommen. Sie durchlaufen ein vereinfachtes Verifizierungsverfahren, benötigen aber keine aufwendige GVO-Zulassung und keine besondere Kennzeichnung entlang der gesamten Kette. NGT-Pflanzen der Kategorie 2 – also weiterreichende Eingriffe – verbleiben hingegen im bisherigen, strengeren Gentechnikrecht mit Risikoprüfung, Zulassung und Kennzeichnung.
Zweitens – und das ist für Sie als Verarbeiter besonders wichtig –: Die Wahlfreiheit der Landwirte und der nachgelagerten Kette bleibt erhalten. Wer weiterhin konventionell oder ökologisch produzieren und vermarkten möchte, kann dies auch künftig tun. Einzelne Mitgliedstaaten behalten zudem die Möglichkeit, den Anbau bestimmter NGT-Pflanzen auf ihrem Hoheitsgebiet zusätzlich einzuschränken.
Drittens – und hier bleibt, das gebe ich offen zu, noch Verhandlungsbedarf –: Die Frage der Patentierbarkeit von NGT-Saatgut ist nicht vollständig zur Zufriedenheit aller Seiten gelöst. Der Kompromiss ermöglicht grundsätzlich Patente auf NGT-Technologien und entsprechende Sorten, sieht aber Schutzmechanismen für einen fairen Zugang vor. Die Sorge, die viele bäuerliche Verbände und mittelständische Züchter zu Recht formuliert haben, ist real: Wenn wenige internationale Konzerne die Kontrolle über zentrale Pflanzeneigenschaften über Patente monopolisieren, dann verlieren unsere mittelständischen Züchter und letztlich auch Sie als Mühlenbetriebe den Zugang zu wichtigem genetischem Material. Deshalb werde ich mich als Stellvertretender Vorsitzender des Landwirtschaftsausschusses in der jetzt anstehenden Umsetzungsphase mit Nachdruck dafür einsetzen, dass die vorgesehenen Schutzmechanismen für Patente in der Praxis auch wirklich greifen und nicht zu einer stillen Marktkonzentration führen.
Was bedeutet dieser historische Kompromiss nun ganz konkret für Sie in der Müllereibranche?
Wenn wir von den Pflanzen der Zukunft sprechen, dann sprechen wir von Weizen- und Gerstensorten, die:
Trockenheit und Hitze besser überstehen,
Widerstandsfähiger gegen Pilzkrankheiten und Schädlinge sind, wodurch der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln ganz natürlich reduziert werden kann,
Nährstoffe effizienter nutzen, was den Düngerbedarf senkt,
Und gleichzeitig die von den Mühlen benötigten Backqualitäten und Proteinstrukturen verlässlich liefern.
Wenn wir den Landwirten Pflanzenschutzmittel wegnehmen oder einschränken – wie es der Entwurf der Pflanzenschutzverordnung SUR seinerzeit versucht hat, bevor er glücklicherweise scheiterte –, dann können wir ihnen nicht gleichzeitig moderne Alternativen bei der Züchtung verwehren! Das wäre, als würde man einem Schwimmer die Arme auf den Rücken binden und ihn bitten, den Ärmelkanal zu durchqueren.
Ich weiß sehr wohl um die Bedenken in der Branche und bei den Verbrauchern. Viele Verbraucher in Deutschland und Europa wünschen sich Transparenz und schätzen die Kennzeichnung „Ohne Gentechnik“. Die Müllerei hat über Jahre hinweg aufwendige Monitoring- und Rückverfolgbarkeits-Systeme aufgebaut, um GVO-Freiheit zu garantieren.
Hier müssen wir Politik mit Fingerspitzengefühl und Praxissinn machen:
Kategorie 1 NGTs bieten enorme Chancen für Ertragssicherheit und Klimaresistenz, und die Verordnung muss nun zügig, aber sorgfältig in praktikable Detailregeln überführt werden – etwa bei den Nachweismethoden, die Kontrollbehörden und Mühlenlabore in die Lage versetzen, Kategorie-1- von Kategorie-2-Material zu unterscheiden.
Wir müssen sicherstellen, dass Züchtungsfortschritt nicht durch bürokratische Überregulierung blockiert wird, die am Ende nur Großkonzernen außerhalb Europas nützt.
Gleichzeitig brauchen wir klare Regulierungen für Patentierungsfragen, damit heimische Mittelständler und mittelständische Züchter nicht von internationalen Konzernen abhängig werden. Das Patentrecht darf nicht dazu führen, dass der Zugang zu genetischen Ressourcen für unsere mittelständischen Pflanzenzüchter versperrt wird!
Wenn wir die Wissenschaft ernst nehmen und Ideologie durch Fakten ersetzen, erkennen wir: Die Nutzung von CRISPR/Cas widerspricht der Nachhaltigkeit nicht – sie ist deren Treiber. Sie hilft uns, mit weniger Inputs stabile Erträge auf europäischen Böden zu sichern.
II. Das Thema Umwelt neu denken: Kulturlandschaft erhalten und Ressourcen schonen
Meine Damen und Herren, wenn wir über Nachhaltigkeit reden, müssen wir auch darüber sprechen, wie wir das Thema Umwelt gestalten und wie wir die Rahmenbedingungen für Ihre Betriebe insgesamt entlasten.
Als konservative Kraft in Europa sagen wir ganz klar: Wir müssen die Umwelt bewahren und Ressourcen schonen – aber wir tun das MIT den Landwirten und den Verarbeitern, nicht GEGEN sie!
In den letzten Jahren hat man in Brüssel zu oft versucht, Umweltschutz durch pauschale Flächenstilllegungen, Verbotspolitik und starre Vorgaben zu erzwingen. Das Ergebnis war Frustration in den landwirtschaftlichen Betrieben, steigende Kosten und eine Abwanderung von Produktion ins Ausland. Die Bauernproteste, die vor gut zwei Jahren durch fast alle Mitgliedstaaten der Europäischen Union zogen, waren ein lauter, unmissverständlicher Weckruf.
Für die CDU/CSU steht fest:
Echte Nachhaltigkeit hat drei Säulen: Eine ökologische, eine ökonomische und eine soziale. Wenn ein Mühlenbetrieb oder ein landwirtschaftlicher Betrieb wirtschaftlich nicht überleben kann, nützt der beste Umweltplan gar nichts. Dann sperrt der Betrieb zu, und wir importieren Agrarrohstoffe aus Ländern, in denen Umwelt- und Sozialstandards deutlich niedriger sind als bei uns. Das kann niemand wollen!
Deshalb unterstütze ich auch ausdrücklich den Kurs der Kommission, mit sogenannten Omnibus-Vereinfachungspaketen die Berichts- und Dokumentationspflichten für Landwirte und Lebensmittelunternehmen spürbar zu reduzieren. Zu oft haben wir in den vergangenen Jahren Betriebe mit Nachweispflichten belastet, die weder der Umwelt noch dem Verbraucher einen erkennbaren Zusatznutzen gebracht haben, sondern nur Personal in den Betrieben gebunden haben, das an anderer Stelle dringender gebraucht wird – etwa in der Qualitätssicherung oder in der Produktentwicklung.
Darüber hinaus müssen wir, anstatt Produktion einzuschränken, die Effizienz steigern. Das Milling Forum zeigt eindrucksvoll, was moderne Mühlentechnik leisten kann: Digitale Qualitätsüberwachung in Echtzeit, energiesparende Mahlverfahren, hochpräzise Reinigungstechnologien. Genau diese Innovationen sind es, die Ressourcen schonen und den ökologischen Fußabdruck senken, ohne die Wirtschaftlichkeit zu opfern. Und genau deshalb ist mir auch wichtig, dass Forschung, Innovation und Digitalisierung – wie es die Kommission selbst als Querschnittsthema ihrer Vision formuliert hat – nicht nur Überschriften in einem Strategiepapier bleiben, sondern mit echten Fördermitteln unterlegt werden, von denen auch mittelständische Mühlenbetriebe tatsächlich profitieren können, nicht nur die großen Konzerne mit eigenen Forschungsabteilungen.
IV. Der Weltmarkt und die Preisstabilität: Verbraucherinteressen wahren
Lassen Sie mich nun auf die ökonomische Dimension zu sprechen kommen: Den Weltmarkt und die Preisstabilität.
Die europäische Müllerei agiert nicht in einem isolierten Raum. Getreide ist ein globales Handelsgut. Die Preise an der Matif in Paris oder an der Börse in Chicago wirken direkt auf Ihre Einkaufspreise und die Kalkulation der Bäckereien und Lebensmittelproduzenten.
In den letzten Jahren haben die Verbraucherinnen und Verbraucher am eigenen Geldbeutel gespürt, was Inflation bedeutet. Die Lebensmittelpreise sind gestiegen, getrieben durch Energiepreisexplosionen, teurere Düngemittel und gestiegene Fracht- und Lohnkosten. Wenn der Verbraucher im Supermarkt steht, fordert er zwar lautstark Nachhaltigkeit und höchste Qualitätsstandards. An der Kasse entscheidet jedoch nach wie vor sehr oft der Preis.
Das ist die Realität, mit der Sie als Verarbeiter und wir als Politiker umgehen müssen. Wie erreichen wir also Preisstabilität, ohne die Standards zu senken?
1. Wettbewerbsfähigkeit der Heimischen Erzeugung stärken:
Wenn wir in Europa die Produktion künstlich verteuern oder verknappen, steigen die Preise für Rohstoffe unverhältnismäßig an. Wir müssen die Erzeugungs- und Verarbeitungskosten in Grenzen halten. Das gelingt durch verlässliche Energiepreise, den Abbau überbordender Regulierung und eine stärkere Förderung von Forschung und Innovation.
2. Fairer Wettbewerb auf dem Weltmarkt (Level Playing Field):
Europa darf seine eigenen Standards nicht als Import-Sperrfeuer nutzen, während gleichzeitig minderwertig produzierte Agrargüter den europäischen Markt überschwemmen. Wenn wir von europäischen Mühlen verlangen, höchste Standards bei Hygiene, Nachhaltigkeit und Rückverfolgbarkeit einzuhalten, müssen wir sicherstellen, dass für Importe aus Drittstaaten dieselben strengen Regelsysteme gelten! Alles andere ist unlauterer Wettbewerb zu Lasten unserer heimischen Wertschöpfungskette.
3. Resilienz in den Lieferketten:
Wir müssen regionale und europäische Wertschöpfungsketten stärken. Die Müllereibranche in Europa ist dezentral, Mittelstands-geprägt und nah an den Regionen. Diese Struktur ist ein riesiger Vorteil für unsere Resilienz! Sie schützt uns vor totalen Ausfällen bei globalen Krisen – ein Umstand, den wir seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine schmerzhaft neu zu schätzen gelernt haben. Deshalb setze ich mich auch dafür ein, dass die angekündigte europäische Beobachtungsstelle für die Agrar- und Lebensmittelkette – der sogenannte Agri-food Chain Observatory – künftig so ausgestaltet wird, dass sie frühzeitig Preis- und Kostenverschiebungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette transparent macht. Nur wer die Datenlage kennt, kann rechtzeitig politisch gegensteuern, statt im Nachhinein Krisenmanagement zu betreiben.
V. Menschen, Digitalisierung und der Fachkräftenachwuchs
Lassen Sie mich, bevor ich zum Schluss komme, noch einen Aspekt ansprechen, der in Debatten über Regulierung und Weltmarkt oft zu kurz kommt: die Menschen, die in Ihren Betrieben jeden Tag dafür sorgen, dass aus Getreide Mehl und aus Mehl Brot wird.
Die europäische Müllereibranche steht, wie viele mittelständisch geprägte Industriezweige, vor der Herausforderung des Generationswechsels. Erfahrene Müllermeisterinnen und Müllermeister gehen in den Ruhestand, und es wird zunehmend schwieriger, junge Menschen für ein Handwerk zu begeistern, das Tradition und modernste Verfahrenstechnik in einzigartiger Weise verbindet. Die Kommission hat mit ihrer angekündigten Generationswechsel-Strategie dieses Thema endlich als eigenständiges politisches Anliegen anerkannt – und ich werde mich dafür einsetzen, dass diese Strategie nicht bei Landwirten stehenbleibt, sondern die gesamte vor- und nachgelagerte Wertschöpfungskette, also auch Ihre Betriebe, mitdenkt.
Gleichzeitig erleben wir gerade in der Müllerei einen faszinierenden technologischen Wandel: Sie verändern die Anforderungsprofile an Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter grundlegend. Aus dem klassischen Müllerhandwerk wird zunehmend eine hochqualifizierte Verfahrenstechnik mit digitaler Kompetenz. Das ist eine Chance, den Beruf für junge Menschen wieder attraktiver zu machen – wenn wir es schaffen, Aus- und Weiterbildung, europäische Austauschprogramme und Investitionsförderung für Digitalisierung intelligent miteinander zu verzahnen. Auch hier gilt: Es nützt der schönste Digitalisierungsplan nichts, wenn er nicht mit konkreten, unbürokratisch zugänglichen Förderinstrumenten unterlegt wird, die gerade auch kleinere und mittlere Mühlenbetriebe erreichen und nicht nur die Konzerne mit eigenen Fördermittelabteilungen.
VI. Fazit: Keine Quadratur des Kreises, sondern eine Frage des politischen Mutes
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
ist es nun die Quadratur des Kreises, Ernährungssicherung, Klimaanpassung, Weltmarktfähigkeit, Nachhaltigkeit und Preisstabilität miteinander zu verbinden?
Nein! Es ist keine Quadratur des Kreises, wenn wir auf die richtigen Instrumente setzen. Wenn wir versuchen, all diese Ziele mit den Methoden der Vergangenheit – mit Verboten, Beschränkungen und ideologischer Engstirnigkeit – zu erreichen, dann werden wir scheitern. Dann wird es in der Tat unmöglich.
Wenn wir jedoch auf die Zukunft setzen:
auf technologischen Fortschritt und Digitalisierung in der Landwirtschaft und in den Mühlenbetrieben,
auf Bürokratieabbau und Vertrauen in die Eigenverantwortung unserer Unternehmerinnen und Unternehmer,
auf neue Züchtungsmethoden wie CRISPR/Cas, um unsere Pflanzen klimafest zu machen,
auf einen fairen Interessenausgleich bei Handelsabkommen wie Mercosur, der unsere Standards schützt statt sie zu unterlaufen,
auf eine gezielte Nachwuchsförderung für die Menschen, die diese Branche am Laufen halten,
und auf eine pragmatische Agrarpolitik, die Ernährungssicherung als strategische Aufgabe begreift,
… dann lösen wir diesen vermeintlichen Widerspruch auf!
Die europäische Müllereibranche zeigt seit Generationen, wie Wandel gelingt. Sie kombiniert Tradition mit modernster Technologie. Sie verarbeitet das, was auf unseren Feldern wächst, zu dem Lebenselixier unserer Gesellschaft.
Als Stellvertretender Vorsitzender des Landwirtschaftsausschusses verspreche ich Ihnen: Wir in der EVP-Fraktion werden uns im Europäischen Parlament weiterhin mit Nachdruck dafür einsetzen, dass Sie die politischen Rahmenbedingungen bekommen, die Sie für Ihre Arbeit brauchen – verlässlich, wissenschaftsbasiert und frei von ideologischen Fesseln.
Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen allen ein ertragreiches, inspirierendes Milling Forum Europe 2026 hier in Brüssel!
Vielen Dank!