Editorial
Neues wagen
Neues wagte die AGF mit dem Format Europe Milling Forum in Brüssel, Neues gibt es z.B. auch im Bereich der Kennzeichnung von Pflanzenproteinen und der Akzeptanz von Broten aus Mischkulturen. Bleiben Sie auf dem Laufenden!
Neues wagen, das war der im Fachausschuss für Müllereitechnologie der AGF geborene Leitgedanke, den Blick auf das, was die Mühlenwirtschaft aktuell bewegt, aus dem traditionsgeladenen Tagungsraum in Detmold auch physisch einmal hinauszutragen dorthin, wo in Europa die Entscheidungen fallen für die Agrarpolitik, also dorthin, wo die „politischen Mühlen mahlen“. Abgestimmt in den Gremien, vom Vorstand der AGF abgesegnet und der Geschäftsführung umgesetzt, fand also vom 7. bis 9. September das erste Mal seit 1948 die Jahrestagung für Müllereitechnologie nicht in Detmold, sondern in Brüssel statt, getreu dem vom Geschäftsführer der AGF, Konstantin Golombek, in seiner Eröffnungsrede auf den Punkt gebrachten Motto „Der Geist unserer Tradition ist kein Ort. Es ist eine Arbeitsweise.“
Das Milling Forum Europe mit 45 Ausstellern und 350 Teilnehmenden aus 26 Ländern war ein voller Erfolg, wie dem detaillierten Bericht zu entnehmen ist.
Zum Auftakt der Veranstaltung setzte mit seiner Rede Norbert Lins, Mitglied des Europäischen Parlaments und stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung politische Akzente. Er nannte die Versorgung mit hochwertigen und bezahlbaren Lebensmitteln als primäre Aufgabe der europäischen Agrarpolitik, wobei eine wettbewerbsfähige Mühlenwirtschaft auch in regionalen Verbünden von elementarer Bedeutung sei. Des Weiteren plädierte Lins für den Abbau unnötiger Bürokratie und befürwortete ausdrücklich die Nutzung moderner genomischer Züchtungsverfahren für ertragreiche und klima-resiliente Getreidesorten.
Wenn man so will, wird Neues auch in der Lebensmittelwirtschaft insofern gewagt, als z.B. in Fleischersatzprodukten oder „High Protein“-Varianten herkömmlicher Lebensmittel pflanzliche Eiweiße, nicht zuletzt auch aus Warennebenströmen, Verwendung finden. Was aus ökologischer wie ökonomischer Sicht durchaus sinnvoll erscheint, bereitet aber denjenigen, die für eine ordnungsgemäße Kennzeichnung derartiger Lebensmittel Verantwortung tragen, einige Kopfzerbrechen. Pflanzenproteine können nämlich hinsichtlich ihres Ausgangsrohstoffes, ihres Verarbeitungsgrades und im Eiweißgehalt sehr unterschiedlich sein, was in einem Zutatenverzeichnis oft nicht erkennbar dargestellt wird. Mit dieser Problematik setzt sich Regina Seideneck in ihrem Beitrag „Pflanzenproteine richtig bezeichnen. Was gehört ins Zutatenverzeichnis?“ auseinander.
Neues wagen auch experimentierfreudige Landwirte und Landwirtinnen mit dem Anbau von Mischkulturen, also z.B. dem gleichzeitigen Anbau von Weizen und Erbsen. Was aus ökologischer Sicht und dem Blickwinkel besserer Klimaresilienz durchaus sinnvoll erscheint, hat allerdings vom Anbauer über die aufnehmende Hand bis hin zum Lebensmittelhersteller einige Herausforderungen. Diese zeigt Nina Weiler in ihrem Beitrag auf, wobei mit Bezug auf ein im Bundesprogramm ökologischer Landbau (BÖL) geförderten Projektes am Beispiel von aus Mischkultur geerntetem Weizen und daraus hergestellten Broten die Verbraucherakzeptanz untersucht wird. Hierzu wird der Bericht ergänzt durch ein Interview mit einer/einem im Projekt involvierten Wissenschaftlerin und einem Wissenschaftler.
Sehr geehrte Leserinnen und Leser, in einer sich gefühlt rasant ändernden Welt ist Vieles im Umbruch, im Großen wie auch in unserer etwas überschaubareren „Getreidewelt“. Ich hoffe, die angeführten Beispiele finden Ihr Interesse und so wünsche ich Ihnen
viel Spaß beim Lesen
Ihr Meinolf G. Lindhauer