KI und Bildanalyse eröffnen neue Möglichkeiten für die Sortenerkennung
VGMS-Getreidetagung 2026
Der Klimawandel, der Schutz des Wassers, die Düngeverordnung und die Entwicklungen auf den globalen Märkten setzen die Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft unter Druck. Dass die Versorgung mit Getreide in Menge und Qualität längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist, wurde auf der diesjährigen VGMS-Getreidetagung in Freising-Weihenstephan am 23. Juni erneut deutlich.

Prof. Dr. Thomas Becker, TU München, Stephan Sedlmayer, Präsident der LfL, und Stefan Blum, Vorsitzender des Verbandes Bayerischer Handelsmühlen begrüßten die Teilnehmer in Weihenstephan.
© VGMS
Die traditionsreiche Getreidetagung wird gemeinsam vom Verband der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft VGMS, dem Bayerischen Müllerbund und der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft LfL in Zusammenarbeit mit der TU München ausgerichtet. Unter dem Leitthema „Ernährungssicherheit unter klimatischen, wirtschaftlichen, regulatorischen und strukturellen Herausforderungen“ diskutierten Experten aus Wissenschaft, Landwirtschaft, Handel und Verarbeitung wegweisende Lösungsansätze.
Der digitale Sprung: KI und Mehlqualität
Einen Schwerpunkt der Getreidetagung bildete die Anwendung Künstlicher Intelligenz (KI) in der Getreidewertschöpfungskette. Da Erntequalitäten durch extreme Witterungseinflüsse immer stärker schwanken, und Sorteneigenschaften durch eingeschränkte Düngung wichtiger werden, findet die Branche Lösungen in digitalen Werkzeugen.
Daniel Hembd von Zeutec Opto-Elektronik und Konstanze Fritzsch von der Dresdener Mühle demonstrierten, wie die KI-basierte Sortenerkennung in der Praxis funktioniert. Sie ermöglicht es Mühlen, spezifische Getreideeigenschaften beim Wareneingang sofort zu identifizieren und so gezielt für die gewünschten Mehlqualitäten einzusetzen. Daniel Hembd ergänzte, dass sich moderne Bildanalyseverfahren und KI auch zur Erkennung von Qualitätsparametern und Besatz eignen. Bereits gut erkenn- und messbar sind Bruchkorn, Auswuchs, Fusarium, Fremdkörper oder Dunkelfleckigkeit.
Konstanze Fritzsch zeigte eindrucksvoll, wie Weizenproben per Smartphone aufgenommen und innerhalb kurzer Zeit automatisch analysiert werden. Die KI vergleicht dabei sichtbare Körner mit gelernten Mustern und kann so Sortenidentitäten oder Mischungen erkennen. Für den Aufbau der Datenbank benötigt das System je Sorte etwa 25 bis 50 sortenreine Proben, betont Konstanze Fritzsch. „Grundsätzlich bietet die schnelle Sortenerkennung bei der Erfassung Möglichkeiten. Es kann viel gezielter gelagert werden und es bietet auch neue Chancen der Bezahlung. So könnte stärker nach Sortenqualität statt ausschließlich nach Proteingehalt bezahlt werden.“
Prognose per Algorithmus: Ergänzend zeigte Iain Whitehead vom Lehrstuhl für Brau- und Getränketechnologie an der TU München, wie statistische und KI-basierte Modellierungen die Qualitätsentwicklung von Getreide und Malz bereits vorab präzise berechenbar machen. „Es liegen uns so viele öffentliche Daten wie z.B. Wetterdaten vor, mit dem richtigen Algorithmus ist es ohne Weiteres möglich die Qualität kurz vor der Ernte vorherzusagen“.
Industrielles Backen: Produktentwicklung als Schlüssel zur Resilienz
Wie sich diese Rohstoffveränderungen auf die nächste Stufe der Verarbeitung auswirken, beleuchtete Anna Gütler von der Rudolf Ölz Meisterbäcker GmbH & Co KG in einem vielbeachteten Vortrag. Unter den neuen, volatilen Rahmenbedingungen kommt der industriellen Produktentwicklung eine völlig neue Rolle zu. Es geht nicht mehr nur um Genuss, sondern um die technologische Anpassungsfähigkeit der Rezepturen an wechselnde Rohstoffqualitäten, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. „Die veränderten Rahmenbedingungen zwingen uns in der Produktentwicklung zu maximaler Flexibilität. Wir müssen Rezepturen und Prozesse so anpassen, dass wir trotz schwankender Rohstoffqualitäten die gewohnte Premium-Qualität stabil liefern können.“
Märkte, Zucht und ein starker Schulterschluss
Neben den technologischen Innovationen lieferte Jörg-Simon Immerz von der BayWa AG eine fundierte Analyse der Getreidemärkte kurz vor der anstehenden Ernte, während Anton Huber vom Bayerischen Bauernverband und Dr. Lorenz Hartl, Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft LfL, die Herausforderungen der landwirtschaftlichen Praxis und die Fortschritte bei neuen Brotgetreidesorten einordneten.
Zum Abschluss der Tagung präsentierte Clara Albrecht von der DLG die neu gegründete „Initiative Plattform Ackerbau“. Die Initiative soll künftig für mehr Stabilität, Qualität und Transparenz entlang der gesamten Kette sorgen.
In ihren Eröffnungsreden hatten Stefan Blum, Vorsitzender des Verbandes Bayerischer Handelsmühlen, Stephan Sedlmayer, Präsident der LfL und Prof. Dr. Thomas Becker, TU München bereits klargestellt: Angesichts der aktuellen globalen Krisen muss die Ernährungssicherheit ohne Wenn und Aber sichergestellt werden – dies gelingt nur im engen Schulterschluss von der Forschung bis ins Backregal.




