Zum Thema
Die neue EmpCo-Richtlinie, Künstliche Intelligenz und Stärkegewinnung aus Mikroalgen sind Themen des neuen Newsletters der Arbeitsgemeinschaft Getreideforschung. Zudem gibt es zahlreiche weitere Hinweise für die Branche.
Editorial 4/2026
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
haben Sie nicht auch schon einmal beim Lesen der Produktinformationen eines Lebensmittels ein gleich noch viel besseres Gefühl bekommen, dass Ihre Kaufentscheidung genau die richtige war, weil nicht nur Ihre Geschmackserwartung erfüllt wurde, sondern weil Sie gleichzeitig auch die Umwelt geschützt haben? Und nur allzu gern haben Sie Ihrem guten Gewissen eine mögliche Skepsis wegen fehlender nachvollziehbarer Begründungen der behaupteten „erhöhten Nachhaltigkeit“ beiseite zu schieben erlaubt.
Mit solcherlei unspezifischen Aussagen wie „klimafreundlich“ oder „umweltschonend“ wird es nach dem Willen der EU ab dem 27. September 2026 vorbei sein, wie Franca Werhahn uns in ihrem Beitrag über die EmpCo (Empowering Consumers Directive)-Richtlinie detailliert darstellt. Demnach zielt diese EU-Richtlinie auf die Bekämpfung des sogen. Greenwashing, d.h. sie untersagt vage Umweltaussagen ohne Beweise, unzertifizierte Nachhaltigkeitssiegel und die Bewerbung von Klimaneutralität, wenn sie ausschließlich durch CO2-Kompensation erreicht wird. Die Richtlinie wird im deutschen Gesetz wider den unlauteren Wettbewerb umgesetzt und Frau Werhahn gibt den Lebensmittelherstellenden umfangreiche Hilfestellungen, wie in Zukunft gesetzeskonform Produkte beworben werden dürfen.
KI – Künstliche Intelligenz steht als Zauberbegriff für die großen Umbrüche in der digitalen Welt, wie wir sie gerade erleben. Je nach Erfahrung, Profession, Alter oder Lebenseinstellung reichen die Reaktionen auf die bahnbrechenden technologischen Umbrüche in der Datenverarbeitung von Begeisterung über verhaltene Abwägung bis hin zu großen Ängsten hinsichtlich ihrer bahnbrechenden Möglichkeiten, die von manchen als Eintritt in eine ganz neue Epoche der Menschheit, vergleichbar mit der industriellen Revolution angesehen werden. Ganz gleich also, wie wir zur KI stehen, sie verändert unser aller Leben, privat wie beruflich. Höchste Zeit also, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Dazu zur Verwendung in Wissenschaft und Wirtschaft ein Beitrag von Henri Max Deda und Olya Vvedenskaya, der auf einem Vortrag basiert, gehalten anlässlich der letzten Stärketagung der AGF in Detmold. In „Vertrauen statt KI-Blindflug – Wie vertrauenswürdige KI wissenschaftliche und industrielle Entscheidungen unterstützt“ wird vorgestellt, dass KI Informationen schneller erschließen, Zusammenhänge sichtbar machen und Entscheidungen unterstützen kann. Autor und Autorin zufolge entsteht Verlässlichkeit von KI durch das Zusammenspiel von 6 Kriterien, die sie im Detail vorstellen und diskutieren.
Beim Bearbeiten des Artikels von Gatien Fleury „CO2 Conversion into Thermoplastic Starch by the Microalga Chlorella vulgaris“ fühlte ich mich sehr an meine eigene Vergangenheit erinnert, als in den 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts Nachwachsende Rohstoffe einen durch die Politik geförderten Boom erlebten und auch in meinem Institut über Thermoplastifizierung von Stärken zur Gewinnung von biologisch abbaubaren Kunststoff-Ersatzprodukten gearbeitet wurde und die Stärketagung der AGF unvergessene Teilnehmerzahlen registrierte. So einen richtig spürbaren Durchbruch in der Praxis, so meine möglicherweise nicht ganz umfängliche Rückschau, haben Kunststoffe auf Stärke- (oder anderer Rohstoff-) Basis nicht erreicht. Die traditionelle Konkurrenz aus Rohölprodukten war und ist einfach unschlagbar günstiger. Das mag sich ja mit Blick auf die augenblickliche einschlägige Rohstoffversorgungssituation in Zukunft ändern. Forschung zu diesem Komplex ist allerdings nie zum Erliegen gekommen. Und so stellt auch der Artikel von Herrn Fleury einen verfolgungswürdigen Ansatz zur Nutzung von Stärke aus der einzelligen Grünalge Chlorella vulgaris dar, die in Fermentern zu kultivieren ist und die einen nach Berechnungen des Autors Hektarertrag an Stärke von 20 t/Jahr ermöglicht und damit den entsprechenden Hektarerträgen von anderen Rohstoffen weit überlegen ist. Arbeiten in der Studie umfassten die Optimierung der Zellkultur, die Extraktion und Charakterisierung der Stärke sowie deren Verarbeitung zur thermoplastischer Stärke mit vielversprechenden Verarbeitungseigenschaften. Nicht zuletzt handelt es sich bei den Chlorella-Stärkekörnern um Feinkornstärke, die auch in anderen Anwendungsgebieten (z.B. Pulvern, Kosmetika) Anwendung finden könnten.
Verehrte Leserschaft,
so thematisch divers die drei Beiträge in Getreide, Mehl und Brot auch sein mögen, so hoffe ich doch, dass sie allgemein auf Interesse stoßen und im Einzelnen auch spezielle Informationsbedürfnisse befriedigen können.
Ich wünsche viel Vergnügen bei der Lektüre und es grüßt Sie wie immer herzlich
Meinolf G. Lindhauer




